Fujitsu-Siemens hat sich dagegen entschieden und tritt in Unna als Kommerzieller Anbieter auf. Der Computer-Hersteller führt gerade darauf den Erfolg des Projekts "Unit21" zurück, zu dem mehrere Partner beigetragen haben.
Das alte Ägypten steht auf dem Stundenplan. Daniela und Lisa aus der sechsten Klasse haben sich besonders gut vorbereitet. Sie referieren über die Rolle des Wesirs in der antiken Gesellschaft am Nil. Auf Tafel oder Manuskript können die beiden Schülerinnen der Gesamtschule in Unna-Königsborn getrost verzichten. Ausgerüstet mit Notebook und Beamer, präsentieren die Mädchen ihren Mitschülern einige Powerpoint-Folien.
Die modernen Hilfsmittel stehen nicht nur im Kontrast zum historischen Stoff, den die Sechstklässler behandeln, sondern auch zur schulischen IT-Ausstattung vieler Altersgenossen. Was in Unternehmen längst zum Standard gehört, bildet im Unterricht immer noch die Ausnahme. Die Königsborner Schüler profitieren vom so genannten Projekt Unit21, an dem sich alle Schulen der Stadt Unna beteiligen. Dabei geht die Ausstattung der Institutionen weit über die mobilen Geräte hinaus. Vielmehr verfügen die 21 Schulen über eine gemeinsame, zentral administrierte IT-Infrastruktur, die 10.000 Schülern und 620 Lehrern den Zugriff auf Lerninhalte via WLAN erlaubt.
Hinter dem Projekt seht eine technische Lösung, die von Fujitsu Siemens Computers (FSC) stammt. Der Hersteller vermarktet das Konzept unter dem Begriff "Managed Learning". Seine Dienstleistungssparte, FSC IT Product Services, zeichnet für die Administration der Systeme und die Aufrecherhaltung des Betriebs verantwortlich. Obwohl IT-Unternehmen bei Schulen gern die Rolle eines Sponsors übernehmen, triff FSC in Unna als kommerzieller Anbieter auf. Die dortigen Schulen sind schlicht Kunden.
"Wir haben intern lange darüber diskutiert und uns dann gegen ein Sponsoring-Modell entschieden", berichtet FSC-Manager Siegfried Buck, zuständig für Business Development Public Sector. Das liegt nicht an fehlender Großzügigkeit. Denn nach Einschätzung des FSC-Verantwortlichen hat sich Sponsoring bei Schulen nicht bewährt. Spendabel Hersteller statten die Einrichtungen häufig mit Produkten einer bestimmten Hardware- oder Software-Kategorie aus. Mit einem Set moderner PCs allein kann eine Schule aber relativ wenig anfangen. Die Geräte müssen professionell verwaltet und gewartet werden, wenn eine Schule dauerhaft etwas davon haben möchte. In der Praxis sind solche Rechner den Erfahrungen Bucks zufolge "Software-technisch of innerhalb kurzer Zeit verrottet".
Dass Computer auf diese Weise für den Unterricht wertlos werden, verhindert FSC in Unna durch einen technischen Kniff. Dort laufen die Notebooks in einem Privatmodus und einem Schulmodus, für den es wiederum keine Rolle spielt, wie die Schüler die Geräte in der Freizeit behandeln. Mit dem Hinweis auf solche Lösungen möchte der FSC-Manager deutlich machen, für wie wichtig er ein Gesamtkonzept hält, bei dem die technische Ausstattung "mit einer ganzheitlichen Betreuung durch Spezialisten einhergeht". Und zwar müsse ein solches Konzept sicherstellen, fordert Buck, dass die Lehrkräfte vollständig von Services wie Administration, Wartung und Nutzersupport entlastet werden. Sofern die Pädagogen solche technischen Aufgaben überhaupt wahrnehmen, sind sie damit neben ihrem Unterricht fast immer überfordert.
Tatsächlich stellen sich Anforderungen, die nicht trivial sind: "In Schulen ist der Betrieb von vernetzten IT-Systemen ähnlich umfangreich wie in einem mittelständischen Unternehmen." Die Infrastruktur setze eine Hochverfügbarkeit voraus, "die in der Industrie ihresgleichen sucht", betont der Experte. Oft greifen an einer Schule mehrere hundert Schüler und Lehrkräfte gleichzeitig auf das System zu.
Freilich sind die Margen im Geschäft mit Schulen für FSX niedriger als bei Industriekunden. Dafür sieht das Unternehmen in dem Segment zugleich eine gesellschaftliche Aufgabe. So profiliert am Ende auch die FSC-Mutter Siemens, wenn Schulabgänger über bessere PC-Kenntnisse verfügen, wie Buck erläutert. Dem Konzern entstehen jährlich Schulungskosten in Millionenhöhe, weil Auszubildende zunächst am Computer fit gemacht werden müssen.
Auf die bildungspolitische Herausforderung für alle IT-Anbieter weist der Branchenverband Bitkom hin. "Wir müssen dringend gegensteuern, um die Qualität des Unterrichts zu verbessern und die junge Generation auf die Zukunft vorzubereiten", mahnte unlängst Bitkom-Präsident Willi Berchtold. Die jüngste Sonderauswertung der Pisa-Studie zeigt, dass in deutschen Klassenzimmern auf 100 Schüler nur acht PCs kommen. Im weltweiten Durchschnitt der Industrienationen sind es 16, in den USA sogar 30.
Sollte sich die Situation verbessern, würde sich für die Branche ein Markt entwickeln, auf dem sich überdies Geld verdienen lässt - und das nicht nur für große Hersteller. Selbst ein Riese wie FSC bewältigt ein Projekt wie das in Unna nicht allein. Bei der Auslieferung von Notebooks, der Installation von WLAN-Points, dem Aufbau des Netzwerks und dem First-Level-Support haben die Münchener mit regionalen Partnern zusammengearbeitet beziehungsweise arbeiten weiter mit ihnen. Einer davon ist das Unnaer Systemhaus K&K Networks GmbH (siehe Interview). Für das Bildungswesen konzipiert das Computer-Unternehmen derzeit ein spezielles Programm, in dessen Rahmen sich Fachhändler, Systemhäuser oder Software-Anbieter zum "Certified Managed Learning Partner" qualifizieren können. Potenzial bietet der Mark allemal. Ähnliche Notebook-Klassen wie in Unna gib es bislang erst an 80 deutschen Schulen. Das sind nicht viele, bei insgesamt fast 40.000 Schulen im Land.
Auszug CRN 38, vom 21. September 2006
von michael.hase@crn.de